Ernte 23 – Biographische Schriften zum 70. Geburtstag von Carola Schäfer. 1993.

Irma Lübcke
3.3.1923

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Am 3. 3. 1923 wurde ich als erste von zwei Töchtern – nach einer Fehlgeburt meiner Mutter – in Lübeck geboren, in einer winzigen Vorstadtwohnung mit zwei Zimmern, einer unbeleuchteten Toilette, einer kleinen Küche mit Kohlenherd und einem sogenannten Handstein, an dem man sich morgens und abends kalt waschen musste. Es war Inflation, und von Woche zu Woche gab es neue Geldkurse, und die
Millionen und Milliarden, die mein Vater als kaufmännischer Angestellter der großen Lübecker Kohlen- und Eisenfirma Possehl nach Hause brachte, mußten in größter Eile in klitschiges Brot, Margarine, Kathreiner-Kaffee usw. eingetauscht werden, damit sie nicht verfielen. – Als ein Jahr später meine Schwester hinzukam, schliefen wir alle vier im 14 qm großen unheizbaren Schlafzimmer. Es gab we-
der Strom noch Gas in dem Haus. Wir hatten eine Petroleumlampe, die immer dorthin getragen wurde, wo wir uns aufhielten. Geheizt wurde ein Kachelofen im Wohnzimmer mit Briketts und Koks, die aus dem dunklen Keller heraufgeholt werden mußten. Die ersten Schularbeiten machte ich noch bei Petroleumlicht, dann bekamen wir in der Küche und im Wohnzimmer Gasbeleuchtung. Dieses Licht konnte man nicht dauernd ein- und ausschalten, darum wurde es erst weit nach Dämmerungseinbruch angezündet.

Mit Hautausschlägen begann das Leben. Ich sehe mich noch im Kinderbett, Pappröhren über die Arme gestreift, die meine Mutter hinten im Rücken zusammenband, damit ich mich nicht kratzen konnte. Die Hautempfindlichkeit blieb, hatte aber immer wieder neue Gesichter: Stellen im Gesicht, entzündete Kopfhaut, Furunkulose, Ekzeme, die sich über Jahrzehnte hinzogen und besonders die Hände befielen, und eine quälende Pilzentzündung. Jetzt erst, seit etwa fünf Jahren, bin ich fast frei von allem, muß aber immer vorsichtig leben. – Die angeborene Augenkrankheit wurde sofort von der Hebamme bemerkt, und als ich mit sieben Jahren – wegen einer Kopfgrippe um ein Jahr verschoben – in die Schule kam, gab es die erste Brille mit scharfen, dunkelbraunen, kreisrunden Gläsern. Sie machte mir viel Kummer und brachte mir den Spott von Mitschülern und auch von Erwachsenen ein, die sie für eine Sonnenbrille
hielten. Sie hielten mich für „eingebildet“, und ich hielt mich für häßlich. In der Schule saß ich ganz vorn, mußte aber bei jeder Tafelbeschriftung aufstehen und an die Tafel gehen, weil ich sonst nichts hätte
lesen können. Wenn ich dann wieder zurückging an meinen Platz, mußte ich das gerade Gelesene schon im Gedächtnis haben. Beim Turnen und Schwimmen hatte ich wegen der Augen Schwierigkeiten. Doch  sonst fiel mir die Schule leicht, so daß ich trotz des Überspringens einer Klasse immer das beste Zeugnis nach Hause brachte. Ich wollte gern auf die höhere Schule, aber meine Eltern mochten mich nicht der Gefahr des starken Verkehrs (damals!) auf dem halbstündigen Schulweg in die Innenstadt aussetzen, und so kam ich auf die Mittelschule in unserer Nähe.

Mit zwölf Jahren bekam ich auf längeres eigenes Bitten und auf Anraten der Lehrer Geigenunterricht. Damit begann eine schöne Zeit. Wir hatten eine Akkordzither, die ich nach eigenem Gutdünken stimmte, und auf der ich schon jahrelang, im oft kalten Schlafzimmer auf dem Fußboden zwischen Bett und Schrank hockend, alles gespielt hatte, was ich kannte. Für meine Eltern und meine Schwester war das tägliche stundenlange Üben auf der Geige in der engen Wohnung eine große Belastung. Ich dagegen konnte die Kälte oder Dunkelheit im Schlafzimmer, in das ich meistens ausweichen mußte, über der Be-
geisterung und Erhebung durch die großen Meister der klassischen Musik vergessen.

Unsere Kinderbetten wurden allmählich zu klein und durch ein größeres Doppelbett ersetzt, da vier normale Betten nicht ins Zimmer gepaßt hätten. Eine von uns hatte immer „zu wenig Decke“. Als ich sechzehn Jahre alt war, ging meine Schwester ins sogenannte Pflicht-Jahr, von dem ich befreit wurde, und ich zog aus dem Schlafzimmer der Eltern aus und mußte nun im Wohnzimmer auf dem Sofa schlafen, das jeden Abend bis elf oder zwölf Uhr von meinem Vater besetzt war, der stark zigarrenrauchend meiner Mutter beim Schachspiel gegenübersaß. Reden durfte man nicht, das hät-
te die Konzentration der Spielenden gestört. Beide spielten sehr gut und waren oft Sieger in Vereins- oder Stadtturnieren. Ich hasste damals das Schachspiel und wollte es nicht lernen.

Ich muß nachtragen, daß wir von 1927 an einen großen Garten hatten, den hauptsächlich meine Mutter als Bauerntochter mit viel Geschick und Liebe urbar gemacht und angelegt hatte. Der war bei der nachkriegsbedingten Enge unserer Wohnung ein wahrer Segen für uns Kinder. Im Haus durften wir
nie andere Kinder einladen, das erlaubte der Hauswirt nicht. Wir feierten unsere Geburtstage immer nur mit Erwachsenen, aber der Garten mit Blumen, Pflanzen und Tieren bot uns im Sommer viel Ersatz für solche fehlenden Kindheitsfreuden.

Nach der „Machtergreifung“ durch das Hitlerregime 1933 brachten es meine Eltern fertig, uns noch drei Jahre vom BDM (Bund Deutscher Mädel) fernzuhalten, dann wurde der Druck von Lehrern und Mitschülern so stark, dass ich als eine der drei Letzten in der Klasse doch eintreten musste. Aber zusammen mit einer Freundin, einer sehr guten angehenden Pianistin, wurde ich laufend eingesetzt zu Konzerten, musikalischen Umrahmungen von Feiern in ganz Schleswig-Holstein, auch innerhalb eines Orchesters. Wir beide wurden aus repräsentativen Gründen sehr schnell zu Schaft- und Gruppen-
führerinnen befördert, obwohl wir keinen einzigen politischen Heimabend gemacht haben. Trotzdem fand ich die Aussicht entsetzlich, ein Leben lang jeden Mittwoch und Sonnabend zum Dienst antreten zu müssen und wegen der Musik noch oft darüber hinaus. Die Konzerte wurden uns sogar bezahlt und oft nicht schlecht, aber es gab kaum etwas zu kaufen für das Geld.

Das Musikstudium begann ich 1940 mit siebzehn Jahren auf der Landes-Musikschule Schleswig-Holstein in Lübeck. Mein Vater war zwar der Ansicht, Musik sei eine brotlose Kunst, womit er in mancher Hinsicht recht behielt, und ich solle lieber Telefonistin (!) werden, da verdiene man sofort Geld. Meine Mutter jedoch unterstützte meinen Wunsch. Außer dem Hauptfach Geige kamen Blockflöte, Kla-
vier als obligatorisches Nebenfach und viele theoretische Fächer hinzu. Klavier üben mußte ich zu vereinbarten Zeiten bei Freunden meiner Eltern. Nach zwei Jahren absolvierte ich die Violinlehrer-Prüfung mit Auszeichnung und ging anschließend auf die Musikhochschule in Berlin zu Prof. Max Strub, um dort die Konzertreifeprüfung zu machen. Der NS-Staat bzw. die Deutsche Arbeitsfront bot mir
ein Stipendium an, für das mein Vater aber seine Einkommensverhältnisse hätte mitteilen müssen. Da er meinte, das ginge den Staat nichts an, ging das Stipendium verloren. Nach Ende des ersten Semesters, im Juli 1942, trafen Bomben die Hochschule, nachdem im April vorher der erste englische Luftangriff auf eine zivile Stadt große Teile Lübecks zerstört hatte. Einige Monate wohnten meine Großmutter und Tante – in der Innenstadt ausgebombt – mit in unserer Zweizimmerwohnung. Wegen der Zerstörungen
in Berlin mußte ich das Studium schweren Herzens aufgeben und fing nun an, in Lübeck, wieder bei den Eltern wohnend, da Wohnraum noch knapper geworden war, das nötige Geld zu verdienen durch Unterrichten und durch Konzerte.

Ich hatte auch einen Lehrauftrag von der Landes-Musikschule an der Nationalpolitischen Lehrerbildungsanstalt, eine Berufstätigkeit, die mir, neben einigen anderen Zeiten, für die Berechnung der jetzigen Rente verloren ging, weil alle Belege dafür im Krieg verbrannt sind und die Zeugen nicht mehr leben.

Nach der Währungsreform 1948 waren mit einem Schlage alle Schüler, zu denen ich jeweils ins Haus gehen mußte, weg, und niemand gab Geld aus für eine Konzertkarte; die Menschen hatten andere Sorgen. Wir fingen stattdessen an, Hauskonzerte zu veranstalten, um wenigstens in Übung zu
bleiben. Im Laufe mehrerer Jahre ließ sich ganz allmählich, vorwiegend mit Schülern, aber dann auch Konzerten, eine Existenz aufbauen. Hinzu kam, daß der geniale Marienorganist Walter Kraft ein Kammermusikensemble gründete, bestehend aus Sängerin, Cembalo, zwei Flöten und Streichquartett, und mich fragte, ob ich mitmachen würde. Das begann für mich 1950, zuerst als Bratscherin, dann nur noch als Geigerin, und leitete eine sehr schöne Zeit ein, mit wenig Honorar, aber viel herrlicher Musik, vor allem Bach und seine Zeitgenossen, Passionen, Oratorien, Kantaten, Kammermusikwerke, aber auch Klassik und Romantik und wenig Zeitgenössisches. Es begann die Reihe unserer monatlichen Remter-Konzerte im gotischen St.-Annen-Museum in Lübeck, und es gab viele Konzertreisen durch die Bundesrepublik und durch die Nachbarländer, 1968 eine sechswöchige „Traumreise“ im Auftrag des Goethe-Instituts durch dreizehn asiatische Länder.

Mit 27 Jahren zog ich 1950 endlich von zu Hause aus zu einer 20 Jahre älteren Kollegin, Frau Schlüter-Suden, die mit mir zusammen im „Lübecker Kammermusikkreis“ spielte. Dort hatte ich wenigstens ein „eigenes“ Zimmer, einen 12 qm großen Durchgangsraum. Die Möbel – Schrank, Bett, Tisch und
Kommode – ließen 3 qm frei, auf denen ich übte oder unterrichtete. Oft, wenn wir gleichzeitig musizierten, ging ich in den dahinter liegenden, noch engeren Küchenschlauch. In diesen zwei Kämmerchen haben wir mit 15 Personen angeregte „Feste“ gefeiert mit Musik, Malerei, Dichtung, Philosophie, mit Kümmelhiebchen aus Kartoffelschalen und Marzipankuchen aus Maismehl, künstlichem Aroma und Süßstoff. Es war immerhin sechs bis sieben Jahre nach Kriegsende! Immer noch Wohnungs- und Nahrungsmittelknappheit. Fließendes Wasser gab es nicht in der Wohnung, das gab’s eine halbe Treppe tiefer in der Toilette. Jeden Winter, sieben Jahre lang, besuchte uns für etwa drei Monate die über achtzigjährige Mutter meiner Freundin. War es vorher schon eng, so wurde es jetzt
fast unerträglich. Aber wir haben es ertragen. Die alte Dame füllte die ganze Wohnung, stieß gegen das Notenpult, wenn ich unterrichtete und sie in die Küche wollte, und oft suchten wir lange ihre Brille oder Uhr oder anderes. Bis wir abends zur Ruhe kamen, war es meistens ein Uhr nachts.

Trotzdem verdanke ich diesen sieben Jahren sehr viel Anregendes. Denn wegen unseres gemeinsamen Interesses für geistige Dinge fiel in diese Zeit die erste Begegnung mit dem Buddhismus: nicht mit Zen oder Mahayana oder Tantrismus, sondern mit der ursprünglichen Aussage des Buddha, die in den umfangreichen Sammlungen des Pali-Kanon überliefert ist und in guten deutschen Übersetzungen vorliegt.

Frau Schlüter-Suden und ich sahen 1950 ein Plakat an einer Anschlagsäule mit der Ankündigung von vier Einführungsvorträgen von Paul Debes, dem Begründer des Buddhistischen Seminars. Für mich waren sie wie eine Offenbarung, alles falsch Gedachte korrigierend, alles Richtige erst zu einem Zusammenhang bringend und natürlich viele weitere Fragen aufwerfend. An diese Vorträge schlossen sich nun Arbeitsgemeinschaften an, zunächst mit etwa 30 Personen: in einer Schule, dann bei allmählichem Abbröckeln der Teilnehmer in unserer kleinen Wohnung. Meist kam ein junger Mitarbeiter von Paul Debes, und gelegentlich kam auch einmal Dr.Hecker, beide aus Hamburg. Ingetraut Anders, die seit mehreren Jahren bei mir Geigenunterricht hatte und uns abends einmal privat besuchte, wurde Zeuge eines Gesprächs mit einem Buddhisten, Hermann Görtler, der unangemeldet ein Buch zurückbrachte – damit war das Thema des weiteren Abends festgelegt. Nachdem wir uns noch einige Jahre außer mit Buddhismus auch mit Theosophie beschäftigt hatten, bei der Frau Schlüter-Suden geblieben ist, traten zuerst Ingetraut Anders und bald darauf ich wieder aus der Theosophischen Gesellschaft aus, weil wir über manchem Übereinstimmenden mit dem Buddhismus die vielen wesentlichen Unstimmigkeiten erkannten.

Ingetraut Anders machte inzwischen in Hamburg ihre Dolmetscherprüfung, ging dann aber nicht in den Beruf, sondern wählte die Mitarbeit bei Paul Debes. Wenn sie dann von Hamburg aus zum Geigenunterricht kam, brachte sie die Streifbandrollen der „Streitlosen Blätter“ mit, die sich ungelesen bei mir stapelten; ich mochte diese politische Version des Buddhismus nicht. In dieser Zeit hatte ich den
intensivsten Kontakt mit der Theosophie.

1956 fand ich bei der Mutter einer Schülerin, Frau Oda Pfeifer, ein sehr großes Zimmer, in dem ich mich mit 33 Jahren zum erstenmal freier fühlen konnte. Aber die fünf Kinder dieser Freundin wurden eifersüchtig, drei davon wohnten ebenfalls im Haus. Meine Freundin und ich wandten uns intensiv der buddhistischen Lehre zu. Inzwischen hatte das buddhistische Seminar den politischen Kurs wieder verlassen.

Frau Pfeifer starb vier Jahre später an Krebs, die Atmosphäre im Hause wurde noch kühler, und ich entschloss mich, das Zimmer wieder aufzugeben. Ingetraut Anders hatte die letzten Wochen der Krankheit sehr miterlebt, hatte mir viel geholfen während der Pflege, die ich immer dann übernahm, wenn die öfter abwesenden Kinder nicht konnten, vor allem auch nachts, und es war immer stärker der Gedanke aufgekommen, den Beruf aufzugeben und ins Buddhistische Seminar zu Inge, Paul Debes
und seiner Tochter Monika zu gehen. Das tat ich dann, ließ Möbel, Hausrat, Bücher dort im Hause, einiges auch bei den Eltern, und ging im April 1961 nach Rohlfshagen bei Bad Oldesloe, wo das Seminar eine Etage in einem alten Bauerngasthof bewohnte. Die Eltern waren befremdet und enttäuscht, und
die Kollegen sehr betroffen. Sie meinten, wir hätten doch in den letzten Jahren ein recht umfangreiches Repertoire erarbeitet, uns im In- und Ausland Engagements gesichert, und ich stünde mit 37 Jahren im besten Alter und auf einem gewissen Höhepunkt. Es war schwer, es ihnen zu erklären. Vertraglich war ich jedoch nicht gebunden. Mich hatte diese Lehre gepackt, und von der Mitarbeit in Rohlfshagen erhoffte ich mir ein tieferes, gründliches Eindringen. Auch fühlte ich mich im Lübecker Kollegenkreis musikalisch-künstlerisch nicht mehr so wohl wie zu Anfang, zwei sehr gute Kollegen waren kurz vorher weggegangen.

In Rohlfshagen bezog ich wieder ein 10 qm großes Zimmer mit Waschschüssel auf dem Kohleofen, Wasser und Toilette ein Stockwerk tiefer auf der Bauerndiele, Küche im Flur mit einer (!) elektrischen Kochplatte. Am Wochenende sonnabends nachmittags und sonntags vormittags unterrichtete ich in Lübeck reihum einige noch verbliebene Schüler, besuchte jeden Sonntagnachmittag die Eltern und war die Woche über in Rohlfshagen, wo ich lernte, Schreibmaschine zu schreiben, die nicht so wichtige Post zu beantworten, wo ich Konzepte von Paul Debes abschrieb und überarbeitete, viele Vorträge vom Tonband abschrieb und die Lehrreden und ihre Interpretation durch Paul Debes gründlicher kennen-
lernte. Diese etwa sechs Jahre im Seminar waren die wichtigste Zeit in meinem Leben, die schönste, aber auch die schwerste. Bis 1965 arbeitete Monika Debes mit, ein Jahr später verließ Inge Anders das Seminar für kurze Zeit.

Ich wußte sehr bald, daß es nur für ein halbes Jahr sein würde. Trotzdem versuchte ich mich in alles einzuarbeiten, was bisher Inge Anders‘ Bereich gewesen war. Da ich mein weiteres Leben eigentlich ganz auf die Arbeit im Seminar eingestellt hatte, stand ich nun vor der Frage, wieder in den Musikberuf zurückzugehen, d.h. vollkommen neu anzufangen, denn nach Lübeck wollte ich nicht wieder, oder aber
eine Bürotätigkeit bei einem der Freunde aus dem buddhistischen Kreis anzunehmen, für die mir auf Anfrage zwei Angebote vorlagen. Nach manchen Überlegungen, die ich in Ruhe anstellen konnte, weil ein schlimmes Ekzem an den Händen für anderthalb Jahre jede Berufstätigkeit ausschloß, entschied ich mich für einen Umzug nach Hamburg, wo ich durch Vermittlung von Freunden, ohne es selbst geplant zu haben, wieder in die allernächste Nähe des Buddhistischen Seminars kam. Ich wollte gern in Hamburg sein, um die Vorträge und die Treffen mit Freunden leichter erreichen zu können, und dachte, doch im erlernten Beruf, ohne Konzerte, nur mit Schülern und möglichst Anfängern, mir wieder eine neue Existenz aufzubauen. Ich wollte nicht mehr so stark gefordert sein, denn für fortgeschrittene Schüler und natürlich für Konzerte muß man selbst viel üben.

Aber es kam dann wieder anders. Es kamen begabte Schüler mit ehrgeizigen Eltern. Im Wohnbereich Süderelbe gab es wenig Klavierschüler zum gemeinsamen Musizieren, was ein Geige spielendes Kind als Motivation braucht, denn die Geige ist ein Gemeinschaftsinstrument. So gründete ich 1972 ein Jugendorchester, das fast nur aus eigenen Schülern bestand und das auch den Begabtesten Gelegenheit zu unterschiedlichen Soloaufgaben bot. Wir wurden bald gebeten, Konzerte zu veranstalten, etwa sechs bis zehn im Jahr. Fünf meiner Hamburger Schüler sind heute als Geiger in Orchestern und als Lehrer tätig. Auch das Orchester besteht noch heute, seit über 20 Jahren, mit anderem Leiter und wechselnden
Mitgliedern, aber mit der alten „Tradition“. All dies machte den beruflichen Einsatz wesentlich stärker als beabsichtigt.

Vor vier Jahren, 1989, kauften Monika Debes, ihr Mann, zwei andere Freunde und ich in einer der schönsten Landschaften Italiens am Comer See ein Haus mit einem großen, romantischen Garten, mit weiter Aussicht auf den zentralen Teil des Sees. Wieder nicht von mir angestrebt oder von mir gefunden.
Und das Geld für meinen Anteil „fiel vom Himmel“. Eine Tante, die wir für sehr arm gehalten hatten, vererbte meiner Schwester und mir ihr in 40 Jahren eisern vom Munde abgespartes Geld, es reichte fast für das, was ich zu zahlen hatte. Als nicht mehr Berufstätige nutze ich das Haus am meisten, mit besonderer Freude, wenn es leer ist, und habe große Freude und großen Gewinn davon.

Die Verbindung zu Paul Debes und Hellmuth Hecker und dem buddhistischen Freundeskreis ist ununterbrochen eng geblieben. Mein ganzes Leben steht seit jetzt über 40 Jahren unter dem Leitbild dieser Lehre, und es geht mir, vor allem innerlich, immer besser dabei.

Was fehlt noch? Daß mein Vater, der einerseits gutmütig, aber andererseits sehr eigensinnig war, drei Jahre lang nicht mit mir gesprochen hat, ich war 14 bis 17 Jahre alt.

Alle Konzertliteratur spielte ich auswendig, was bei Soloaufgaben verhältnismäßig leicht ist, aber bei Kammermusik sehr schwer. Ich brauchte sicher das Mehrfache an Zeit für das Einstudieren wie meine Kollegen.

Es fehlt noch manches, aber alles kann man nicht erzählen. Ich wünsche mir nichts zurück, nur die Art der Vorgehensweise möchte ich beibehalten und verbessern.